Selektive Empörung

Geschrieben von: am 20. Mai 2026 um 8:06

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher sprachlichen Akrobatik der Spiegel politische Realität einordnet – oder besser gesagt: einfärbt. Wenn sich Wladimir Putin und Xi Jinping treffen, greift das Magazin tief in die rhetorische Trickkiste und spricht von einer „Autokratenaudienz“ (siehe hier). Das Wort sitzt: düster, abschätzig, ein Hauch von höfisch-autoritärem Theater mit klarer moralischer Markierung. Hier treffen sich die „Bösen“, daran soll kein Zweifel bestehen. Ganz anders dagegen vor einer Woche, als Donald Trump – wahrlich kein Musterbeispiel liberaler Demokratie und ein Staatschef, der ebenfalls einen Angriffskrieg führt – in Peking vorstellig wurde.

Da war nicht von einer „Audienz“ der Autokraten die Rede, sondern vielmehr von einer Reise, auf die die ganze Welt schaut (siehe hier). Das klingt nach globaler Bedeutung, nach diplomatischem Ereignis, vielleicht sogar nach etwas historisch Gewichtigem. Die moralische Schärfe? Abgerundet. Der Spott? Verflogen. In dem einen Fall könnte Chinas Staatschef Xi Russland ganz einfach „den Stecker ziehen“, doch er stehe lieber weiterhin „unverbrüchlich an der Seite des Aggressors“. In dem anderen Fall könnte er indes auf Teheran, einem Angegriffenen, einwirken, um sich so als „Stabilitätsanker“ und sich selbst als „verantwortungsvollen Geopolitiker“ zu inszenieren. Kurzum: Wenn China den Aggressor USA, der hier nicht so genannt werden soll, aus der Patsche hilft, winkt offenbar ein dickes Lob der Hüter der Moral.

„Trumps Irankrieg“ ist eben in der Spiegelschen Betrachtung grundsätzlich etwas völlig anderes als Putins unprovozierter, völkerrechtswidriger Angriffs- , ach was, Vernichtungskrieg. Was hier sichtbar wird, ist kein Zufall, sondern ein Muster. Sprache wird zur Waffe, zur Schablone, durch die politische Ereignisse bewertet werden, noch bevor der Leser sich vor dem ersten Kaffee des Tages ein eigenes Urteil bilden kann. Zwei nahezu identische Situationen – ein Treffen mit Xi Jinping – werden mit völlig unterschiedlicher Tonlage versehen. Einmal düster inszeniert, einmal mit einem Hauch von globaler Relevanz und Respekt versehen.

Das Problem ist dabei nicht, dass Medien bewerten. Das gehört zu ihrer Aufgabe. Das Problem ist die Inkonsistenz, die selektive Empörung. Wer Putin trifft, gerät in den Schatten autoritärer Systeme. Wer Trump heißt, wird plötzlich Teil eines weltpolitischen Schauspiels, obwohl gerade er wie kaum ein anderer westlicher Politiker regelmäßig demokratische Institutionen infrage gestellt hat. Man könnte es auch einfacher sagen: Hier wird nicht berichtet, hier wird gerahmt. Und zwar je nach politischem Bauchgefühl der Redaktion. Für den Leser bedeutet das: Er bekommt keine nüchterne Beschreibung der Realität, sondern eine vorgefilterte Interpretation. Die eigentliche Nachricht tritt dabei in den Hintergrund, wichtiger ist, wie man sie fühlt.


Bildnachweis: KI generiertes Bild.

0

Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
  Verwandte Beiträge

Schreibe einen Kommentar


Unsere Datenschutzerklärung klärt Sie über die Art, den Umfang und Zweck der Verarbeitung von personenbezogenen Daten innerhalb unseres Onlineangebotes auf.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.