Die lustigen Lohnsenker

Geschrieben von: am 11. Feb. 2026 um 7:57

Die Parteivorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, hat sich auf Twitter/X mit einer Aussage über Sozialversicherungsbeiträge vergaloppiert, was ihr umgehend um die Ohren geschmiert und als Begriffsstutzigkeit ausgelegt wird. Die Linken und ökonomische Zusammenhänge, das sei eben sehr schwierig. Das gilt aber auch umgekehrt. Es ist so lustig.

Ein relativ bekannter Fachmann schreibt beispielsweise eine viel umjubelte Antwort dazu:

Sie müssen jetzt ganz stark sein: Die gesamten SV-Beiträge müssen aus dem Arbeitnehmerentgelt bezahlt werden. Dass Sie die künstliche Aufspaltung in AG- und AN-Anteile für bare Münze nehmen, zeigt nur, dass Sie die ökonomischen Zusammenhänge nicht begreifen. Beteiligen Sie sich dann lieber nicht an dieser Debatte.

Ganz genau, deshalb ist eine Senkung der Lohnnebenkosten, die immer so gern gefordert wird, auch nichts anderes als eine Lohnsenkung. Wie bitte?! Wie könnte dieser komische Autor das gemeint haben, wird gefragt. Der zitierte Sachverständige, der anderen mit Blick auf ökonomische Zusammenhänge Begriffsstutzigkeit vorwirft und einen Maulkorb empfiehlt, will wissen, ob vom Arbeitnehmerentgelt, Bruttolohn oder Nettolohn die Rede sei. Das ist lustig, da es die Begriffsstutzigkeit auf umgekehrte Weise auch recht anschaulich beschreibt. Nennen wir es doch einfach der Unterhaltung wegen Bretto oder Nutto, das klingt sowieso viel schöner, wie Kenner der Kabarettgeschichte wissen. Aus Sicht eines Forschungsdirektors, dessen Gehalt überwiegend aus öffentlichen Mitteln gewonnenen wird, sind solche Albernheiten natürlich abzulehnen. Er muss überlegenes Wissen nicht nur vortäuschen können, sondern von anderen auch verlangen dürfen.

Jedenfalls geht es um den Teil des Lohnes, der für Sozialversicherungen aufgewandt und als schnöde Kosten verunglimpft wird. Viele halten das ja deshalb schon für Verschwendung, weil sie inzwischen sechs Monate auf einen Facharzttermin warten müssen. Aber an dieser Entwicklung kann man das Gemeinte sehr schön darstellen. Denn wenn Sie wie früher, früher zum Onkel Doktor wollen, können Sie das natürlich, müssen halt nur aus eigener Tasche (Selbstzahler) etwas drauflegen. Für Sie als einfacher Lohnempfänger, der von einer Senkung der Lohnnebenkosten laut offizieller Lesart schon immer am meisten profitiert haben soll, bedeutet das natürlich, dass Sie darüber nachdenken müssen, wie viel Sie von dem Teil Ihres Lohns, der noch übrig ist, für Zusatzleistungen aufwenden wollen, die früher schon in der Versicherung mit drin waren. Schließlich müssen Sie von diesem Geld auch noch eine kapitalgedeckte Altersvorsorge aufbauen und die Konjunktur ankurbeln oder es sein lassen und sich früher oder später nackt bei den Tieren des Waldes betten.

Für „Top-Ökonomen“ sind solche Fragestellungen aus dem Alltag des 3. Standes der Gesellschaft natürlich nicht weiter von Belang. Sie haben sich vermutlich schon von Amtswegen aus der gesetzlichen Sozialversicherung verabschiedet oder verdienen so viel, vielleicht auch über andere Einkaufsmöglichkeiten wie Vorträge und Beratung, dass es nicht weiter auffällt, wie die Lohnsenkung bei den Menschen wirkt, die auch gut und gerne noch eine Stunde mehr pro Woche arbeiten sollen (hier und hier), was übrigens in der schlicht vorgetragenen Harmlosigkeit („wirklich nicht zu viel verlangt“), Überraschung, auch nichts anderes als eine Lohnsenkung wäre, obwohl der Lohn auf dem Lohnzettel ja gar nicht sinkt.


Bildnachweis: André Tautenhahn

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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