
Mit dem Überfall der USA auf Venezuela sei nun endgültig die internationale Ordnung beerdigt worden, heißt es vom selbst ernannten Expertentum. Das muss auch so sein, weil man sonst Sanktionen gegen den Aggressor fordern, Energiegeschäfte einstellen und das angegriffene Land mit Waffen und Geld (as long as it takes) sowie guten Worten ausstatten müsste, weil dies jedes Recht habe, sich zu verteidigen. Kein Aber. Nee, ganz so ist es natürlich nicht. Der Unsinn hat Konjunktur, um die neue Logik der Aufrüstung zu rechtfertigen. Denn nur wer stark genug sei, könne in Frieden leben. Dafür wird dann auch übersehen, dass die USA nur wiederholen, was sie früher schon taten. Stichwort Noriega, Panama, 1989. Klingelt da etwa nichts?
Nö. Das würde ja bedeuten, einzugestehen, dass die regelbasierte Ordnung, deren Bruch man bisher nur Russland vorhält, nie galt, wenn die ‚gute Großmacht‘ selbst Regimewechsel vorantrieb. Stattdessen herrscht mal wieder kollektive Amnesie, die zu der Behauptung führt, dass erst jetzt die globale Nachkriegsordnung beseitigt worden sei und man darauf reagieren müsse. Die Erklärung ist einfach: Nur so lässt sich der eingeschlagene Kurs noch begründen. Die offizielle Reaktion der EU-Kommission spricht ebenso Bände.
I have spoken with Secretary of State Marco Rubio and our Ambassador in Caracas. The EU is closely monitoring the situation in Venezuela. The EU has repeatedly stated that Mr Maduro lacks legitimacy and has defended a peaceful transition. Under all circumstances, the principles of international law and the UN Charter must be respected. We call for restraint. The safety of EU citizens in the country is our top priority.
Von der Einordnung als „unprovozierter, ungerechtfertigter und völkerrechtswidriger Angriffskrieg“ ist diese Erklärung Lichtjahre entfernt. Im Gegenteil. Frau Kallas sucht eher nach einer Rechtfertigung für den Überfall auf Venezuela und die Gefangennahme und Entführung sowie Anklage Maduros vor einem US-Gericht (das soll dann wieder rechtsstaatlich klingen). Wie schön ist es da für die westlichen Berichterstatter, dass mit einer Friedensnobelpreisträgerin eine wunderbare Alternative zur Verfügung stünde – besser als jener Interimspräsident, den man vor Jahren schon mal anerkannte und mit dem man sich nur lächerlich machte. Nun unterstütze man einen friedlichen und demokratischen Übergang.
Wenn María Corina Machado eine noch abzuhaltende Wahl gewönne, würde man publizistisch noch viel nachsichtiger mit der illegalen Art und Weise des Regimewechsels umgehen. Schon jetzt wird jedenfalls über die neue Ordnung in Venezuela fröhlich spekuliert. Der verhaftete Präsident spielt dabei keine Rolle mehr. Die Doppelmoral gilt mittlerweile als Prinzip der Gernegroßmächte, um nicht zugeben zu müssen, doch bloß Spielball der Großmächte zu sein. „Wir dürfen nicht dabei zusehen, wie die Welt neu geordnet wird. Wir sind kein Spielball von Großmächten“, sagte der Bundeskanzler im Bundestag und in seiner Neujahrsansprache. Deutschland sei zurück auf der internationalen Bühne.
Stimmt, die Entschlossenheit ist in den ersten Stunden nach dem Überfall buchstäblich spürbar: Im Auswärtigen Amt tritt noch heute der Krisenstab der Bundesregierung zusammen. Man beobachte die Lage in Venezuela sehr aufmerksam und verfolge die aktuellen Meldungen mit größter Sorge. Offenbar hat man den Knall noch nicht gehört oder eine schmissige Erklärung mit dem Wort „Drecksarbeit“ ist noch in der Mache.
Bildnachweis: KI generiertes Bild mit Microsoft Copilot.
JAN.

Über den Autor:
André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.