Oh Schreck: Griechenland hat keine Verwaltung mehr

Geschrieben von: am 22. Feb 2012 um 8:09

Das Geheule der deutschen Wirtschaft und der Presse über die plötzlich entdeckten Defizite in der griechischen Verwaltung ist skandalös und zynisch zugleich. Keine Woche ist es her, da haben alle noch auf die Durchsetzung des Sparpaketes bestanden, in dem klar vorgesehen ist, 15.000 Staatsangestellte sofort zu entlassen. Bis 2015 soll die Zahl der Entlassungen im öffentlichen Dienst auf 150.000 steigen.

Heute Morgen beklagte sich BDI-Präsident Keitel im Deutschlandfunk über mangelnde Verwaltungsstrukturen. Deutsche Unternehmen würden gern in Griechenland investieren, fänden aber mit Blick auf Steuerverwaltung und Katasterwesen kein funktionstüchtiges Staatswesen mehr vor. Deutsche Unternehmer bräuchten aber Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen, so Keitel weiter.

Zum bisherigen Rettungsverfahren sagte der BDI-Präsident aber, dass die Voraussetzungen für eine Sanierung geschaffen worden sein. Da fragt man sich doch entsetzt, wer hier wen für dumm verkaufen will. Von außen müsse sichergestellt werden, dass Griechenland die versprochenen Anstrengungen auch tatsächlich unternehme. Die ganze Hilfe nütze dann ja nichts, hält der BDI-Präsident fest.

Und da hat er Recht, denn die 130 Mrd. Euro nützen den Griechen und ihrer Wirtschaft auch nichts, weil sie ohne Umweg zur Schuldentilgung eingesetzt werden müssen. Dafür soll zudem ein Sperrkonto sorgen, auf dessen Einrichtung bei den Verhandlungen vor allem der deutsche Finanzminister bestanden hat.

Um eine funktionierende Verwaltung wiederherstellen zu können, die nach Keitels Aussage auch in der Vergangenheit schon nicht bestanden habe,

“Nur das ganze ist unter der Staatsverkrustung irgendwo aus unserem Blick verschwunden.”  

braucht es Personal, dass sich durch die vielen Aktenberge wühlt und für die sprichwörtliche Ordnung sorgt, auf die vor allem die Deutschen so erpicht sind. Das ändert nur nichts an der Tatsache, dass mit den Sparpaketen das Gegenteil bewirkt wird. Dennoch versuchen Schäuble und Co. der deutschen Öffentlichkeit weiszumachen, dass diese Maßnahmen notwendig seien, um die beliebten Strukturreformen durchführen zu können.

Absurderweise wurde vor dem Bekanntwerden der Missstände, die angeblich unter einer “Staatsverkrustung” verborgen lagen, immer behauptet, die griechische Staatsverwaltung sei viel zu überdimensioniert. In feinstem neoliberalen Neusprech sollte der Eindruck vermittelt werden, der öffentliche Dienst in Griechenland stünde beispielhaft für ein Leben über den Verhältnissen. Nun stellt Keitel selbstkritisch fest, dass man die Begebenheiten in Griechenland wohl eher als charmantes Mittelmeerproblem betrachtet habe. Dennoch bleibt er dabei, dass sich ein Land keine Verwaltung leisten könne, die sich nur mit sich selbst beschäftige.

Das ist auch richtig. Allerdings bedarf es mit Sicherheit einer Verwaltung, in der auch Menschen beschäftigt sind.

EDIT: Das Interview kann hier nachgelesen werden:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1683495/

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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Kommentare

  1. Einhard  Februar 22, 2012

    Erschwereend kommt hinzu: der Staat ist nach wie vor überall auf der Welt der wichtigste Arbeitgeber.

    Aber so wird die einstige Wiege der Demokratie eben zu Hartz IV 2.0 -Land

  2. Dnzs - Wirtschaft & Markt  Februar 22, 2012

    Hurra, die Griechen retten die Gläubiger!
    Gastbeitrag von Andreas S. Seid gestern ist es nun  amtlich. Griechenland bekommt für die Rückzahlung seiner  Schulden Hilfskredite. Die Euro Gruppe hatte gestern nach gespielten Tauziehen die Gelder freigegeben. Die Griechische Bevölkerung muss das b…

  3. der-olli  Februar 22, 2012

    “Greece has one of the lowest rates of public employment among OECD countries…”

    http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/?p=2032

    Da können wir locker 150 000 entbehren, oder so.

  4. Kopfstaendler  März 4, 2012

    Griechenland wäre besser mal dem Pfad Islands gefolgt. Staatspleite! Die Banken gehen leer aus, Zocker gehören bestraft.

    Besonders Goldman Sucks ! Von denen wird gesagt, dass sie die Anfangsbilanzen gekocht und Kredite an Griechenland vergeben hatten, abgesichert durch die Infrastruktur des Landes. Die haben Griechenland den Schaden eingebrockt, über den Umweg EU, insbesondere Deutschland, holen sie jetzt für sich und andere Banken das Geld zurück.

    Dabei waren Goldman-Sachs bereits tiefe Eingriffe in die Erträge aus der Infrastruktur Griechenlands zugestanden worden, z. B. Flughafengebühren, Lotterieabgaben, etc. Eichel, unser Ex-Fi-Mi, hatte sogar mal im deutschen Fernsehen eingestanden, dass man von den Anfangsproblemen Griechenlands bereits wußte, als es in die Euro-Zone aufgenommen wurde.

    So kann es einem ergehen, wenn man Bankster wie Goldman Sachs sucken läßt. Herr Blankfein freut sich, wenn die EU die Rechnung zahlt in Form eines nicht mehr kündbaren Rettungsschirms. Deutschland will diesen Schwachsinn unterschreiben und ratifizieren. Dummheit im Quadrat.