Hilfe es "wandelt" überall

Geschrieben von: am 05. Nov 2008 um 21:50

“Yes, we can!”, schallte es heute aus Radios, Fersehgeräten und sonstigen GEZ-pflichtigen Rundfunkempfängern. Barack Obama wird neuer US-Präsident. Bis zum Abend war die Meldung überall die eins. Die Neue Presse hat gestern etwas früh andrucken müssen und sich nicht getraut, einen Schuss ins Blaue zu wagen.  

Ein deutlicher Sieg. Ich bin schon gegen drei Uhr morgens mit dem sicheren Gefühl eingeschlafen, dass in den sog. “Swingstates” nichts mehr anbrennen würde. Ich war auch etwas irritiert über die Verteilung der Wahlmännerstimmen. Jeder Sender hatte während der Auszählungswellen andere Zahlen oben links eingeblendet. Aber egal. Am Ende überwog der Jubel.

Alle scheinen nun irgendwie erleichtert zu sein. Man rechnet mit einem grundlegenden Wandel in allem. Jetzt wird alles besser, sensibler, friedlicher und kooperativer, schreibt Harald John, Chefredakteur der Neuen Presse morgen auf Seite eins. “Yes, we can!”. Ist schon irgendwie komisch. Da fragt der kommende US-Präsident im Gegensatz zu seinem Vorgänger höflich nach mehr Truppen für die zu teuer werdenden Kriege und schon sind wir berauscht. Also wenn der Obama höflich darum bittet, dann können wir nicht nein sagen. Das wird den Bush jetzt aber nachträglich ärgern. Mit etwas mehr Charme wäre er wohl nicht der dümmste Präsident aller Zeiten geworden.

Die Europäer sind aber auch ein bissel blöde. Gut, die Russen nicht. Die haben sich vom warmen Wind of Change aus dem Westen nicht anstecken lassen, die sind durchweg Kälteres gewohnt. Flink hat man angekündigt, ein paar Kurzstreckenraketen in Kaliningrad zu stationieren. Unser Kanzlerinnen-Vize und SPD-Spitzenkandidat für vier weitere Jahre als Vize, Außenminister Frank-Walter Steinmeier war ganz überrascht und appellierte heute an die russische Führung, die Wahl Obamas doch zum Anlass zu nehmen, um einen neuen Dialog zu beginnen. “Yes, we can!”.

Da hat der Russe nur kalt gelächelt und sich gedacht, “We also can do it!” Und als die Russen gelesen haben, dass Dabbeljuh den Neuen während der kommenden 76 Tage vollständig über wichtige Entscheidungen informieren werde, da haben im Kreml die Alarmglocken geschrillt. Wer weiß, was da noch kommt…

1

Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
  Verwandte Beiträge

Kommentare

  1. adtstar  November 6, 2008

    Ja, auch der Obama hält also an dem Abwehrschild der Amerikaner in Osteuropa fest. Die Pläne der Bush-Administration, in Polen und Tschechien Raketen zu stationieren, werden nicht revidiert.

    An der Reaktion unseres Außenministers kann man jedenfalls sehr schön den Versuch ablesen, mit Hilfe der “Change-Verarsche” auf die Russen Druck auszuüben.

    ZITAT: Russland müsse erkennen, “dass wir uns in diesen Tagen an einer Weichenstellung befinden, dass die wirkliche Chance besteht, das Verhältnis zwischen Russland und Amerika neu zu begründen”. ZITAT ENDE

    Für die Russen ändert sich doch rein gar nichts am Verhältnis zu den USA, wenn die Amerikaner gleichzeitig am Bush-Kurs festhalten. Ob nun höflich oder nicht, solange die militärischen Interessen dieselben sind, ist die Reaktion, selbst Raketen zu stationieren, nur logisch.

    Steinmeier sollte vielleicht seinerseits die Chance nutzen, mit den Amerikanern über die Beilegung der eigenen Raketen-Pläne zu verhandeln. Der Nutzen dieses Unterfangens ist doch mehr als zweifelhaft. Er ist aber vor allem der Auslöser für den zugespitzten Konflikt mit Russland.

    Wenn Steinmeier also vom Wandel faselt, meint er mit Sicherheit nicht sich oder die USA. Das Ganze wirkt doch eher wie eine Charmeoffensive oder einen weiteren Versuch, die Öffentlichkeit und damit die Bürger zu täuschen.