Vergraben wäre eine Lösung

Geschrieben von: am 11. Aug 2013 um 14:15

Im neoliberalen System gibt es keine Fehler. Demzufolge kann ein Patrick Döring, der unverständlicher Weise im Aufsichtsrat der Bahn sitzt, auch fordern, dass sich die im Urlaub befindlichen Mitarbeiter des Verkehrsunternehmens sofort zurückmelden sollen, um am Mainzer Hauptbahnhof ihren Dienst wieder aufzunehmen. Dort läuft nämlich aufgrund von Personalknappheit gar nichts mehr. Aber halt, Personalknappheit? Das gibt es im neoliberalen Denken nicht. Die Arbeit ist nur schlecht geplant oder verteilt, würde Döring wohl sagen.

Jedenfalls gebe es eine Betriebspflicht, so der FDP-Generalsekretär. Unternehmen und Mitarbeiter seien daher in der Pflicht. Das sagt einer, der erst einen Schaden verursacht, sich dann kackdreist verpisst und hinterher behauptet, nichts gehört und nichts gesehen zu haben. Als gelernter Klinkenputzer für Haustierversicherungen sorgte er sich nicht weiter um den Schaden des anderen. Sein Außenspiegel war ja heil geblieben. Davon hatte sich Döring nach Zeugenaussagen pflichtbewusst überzeugt, bevor er Unfallflucht beging.

Die dümmliche Reaktion von Döring ist nur allzu verständlich. Er ist Leistungsträger und FDP Politiker, der sich, wie ein Großteil der Medien nur um die Reisenden sorgt, die entweder durch Urlaubszeit und Krankheitsfälle oder durch Streiks kaum vertretbare Zumutungen in Kauf nehmen müssen. Wen interessiert schon Personalpolitik. Dabei könnte sich ein aufschlussreiches Bild ergeben. Siemens hat so viele Leute rausgeschmissen und kann jetzt keine Züge mehr rechtzeitig fertig bauen und die Bahn kann keine Züge mehr abfertigen, weil man so viele Fahrdienstleiter rausgeschmissen oder in den Ruhestand versetzt hat.

Warum das alles? Um hübsch auszusehen für die Leistungsträger, die meist bei Banken, Versicherungen oder in Beratungsbüros hocken und an den Vorschlägen zur Kostenreduktion wie auch an der Privatisierung verdienen. Deshalb gibt es Katastrophen wie bei der Berliner S-Bahn, die, wohlgemerkt in Friedenszeiten, jahrelang mit einem Notfahrplan operieren musste, weil Mehdorn und der Bundesregierung Rendite wichtiger waren als die technische Zuverlässigkeit eines Verkehrsmittels, auf das die Menschen in der Tat angewiesen sind.

Hübsch aussehen muss auch die Fassade. Deshalb werden Milliarden Euros nicht in Personal, Zuverlässigkeit oder breite Anbindung investiert, sondern in privilegierte Haltepunkte gepumpt, die dann sogar in der Erde verschwinden sollen. Vergraben? Das wäre auch für Mainz eine denkbare Lösung. Man würde vom Chaos nicht mehr viel sehen. Aber ob die Menschen es nun sehen oder nicht. Es ist egal. Sie wählen Leute wie Döring ja doch wieder in den Bundestag.

Quelle: Stuttmann Karikaturen

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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Kommentare

  1. Meta-Morphose  August 12, 2013

    Nicht nur in Mainz ist man am besten beraten in seinem Urlaub möglichst an’s andere Ende der Welt zu reisen, ohne jedweden Empfang von TV oder Telefon.
    Auch in unserer Firma ist es so, dass es so wenig Personal gibt, daß es auch zu keinen größeren Ausfällen kommen darf.
    Mehr als zwei Mann gleichzeitig dürfen auch nicht fehlen, sonst wird es kritisch.
    Der Wahn Personal(kosten) zu sparen führt keineswegs nur bei der Bahn zu desaströsen Folgen, aber es wurde das Endziel erreicht, es wurde gespart – hurra, hurra, hurra.

  2. Arnold  August 12, 2013

    Marktgläubige Schreibtischtäter sind hier am Werk.
    1. Personal reduzieren spart Kosten.
    2. Wenn jemand ausfällt können das die anderen ja durch Überstunden ausgleichen.
    (Auf die Idee dass dadurch auch der Krankenstand steigen könnte kommt natürlich niemand)
    3. Wenn das Personal trotz Überstunden nicht reicht,
    holt man sich benötigte Fachkräfte einfach auf dem Markt. (Nach dem Motto ein Betriebswirt braucht niemanden um die Arbeit zu erledigen – das macht alles der Markt)

    Das schlimme ist, dass diese naive Marktgläubigkeit zu einer Religion mutierte, die uns gnadenlos beherrscht.

  3. Kopfstaendler  August 12, 2013

    Endsieg und Endziel haben wohl den gleichen Effekt. NIEDERGANG – UNTERGANG !

    Einer gewinnt immer – und das ist immer dieselbe Clique. Sie riskieren nicht nur Ausfälle, sondern auch tödliche Unfälle. Früher vergab man wichtige Aufträge noch unter

    “Konventionalstrafe/Pönale”.

    So stand es jedenfalls auf den Zeichnungen und dem Schriftverkehr zu Riesenaufträgen. Man wagte es darum nicht, diese Aufträge mit zu wenigen Mitarbeitern ausführen zu wollen.

    Heute sind die Mächtigen untereinander “liebevoller”, man möchte ja das nächste Champagnerglas entspannt leeren in netter Gesellschaft und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

  4. Jenny  August 19, 2013

    in Kiel gibt es ein automatisiertes System, wo kaum noch Personal gebraucht wird. Das wird sicher irgendwann auch in Mainz errichtet werden – ist billiger als Personal auszubilden.

    Erschreckend ist doch dass schon prognostiziert wird, dass sich die Einkommensschere weiter auseinanderentwickeln soll:

    Gefragte Fachkräfte sollen immer mehr bekommen, die anderen dafür auf Gehalt verzichten. Kein gutes Szenario für die Zukunft.

    http://www.lr-online.de/nachrichten/wirtschaft/Wirtschaft-Bahn-steht-fuer-Spitze-des-Eisbergs;art77647,4299561

    Die Lohnunterschiede in den Unternehmen werden zunehmen.” Da die Personalbudgets nicht endlos wachsen könnten, würden weniger spezialisierte Tätigkeiten oder Stellen mit vielen Bewerbern künftig schlechter bezahlt

    mir graut davor, dass sich sowas bewahrheitet – ich halte das für schädlich und gesellschaftlich nicht wünschenswert.