Brüning, eine Wirtschaftsredakteurin und ein Historiker

Geschrieben von: am 13. Apr 2012 um 16:51

Viele Wirtschaftswissenschaftler sprechen mit Blick auf Griechenland von einer Wiederholung Brüningscher Sparpolitik. Eine Redakteurin von NDR-Info hat nun mal recherchiert, ob sich die Situation in Griechenland mit der Politik Brünings vergleichen lässt. So in etwa wurde dieser Beitrag heute Morgen angekündigt. Was dann aber kam, war einfach nur lächerlich.

Denn statt sich mit der volkswirtschaftlichen Wirkung einer mit brutaler Gewalt betriebenen Austeritätspolitik zu beschäftigen oder mit den Argumenten von Ökonomen wie Peter Bofinger, ließ sich die “Wirtschafts-Journalistin” von Historiker Manfred Harnisch erklären, dass die Griechen gar nicht so zu leiden hätten. Im Unterschied zu den Deutschen in den 30er Jahren müssten die Griechen gar nicht hungern, seien nicht obdachlos und würden sich auch nicht in sogenannten Aufwärmstuben auf Stühlen sitzend aufhalten, wo sie sich von dem damaligen “sozialen Netz” – Leinen, die vor die Bänke gespannt waren – auffangen lassen, falls sie einnicken.

In Griechenland herrsche noch ein echtes soziales Netz, das den Deutschen in den 1930er Jahren völlig fremd gewesen sei, so der Historiker. Aus dieser kruden Argumentation heraus, fällt es dann auch nicht schwer, den Bogen zu notwendigen Reformen zu schlagen, deren Sinnhaftigkeit natürlich außer Zweifel steht.

Reichskanzler Brüning kürzte Gehälter und Tariflöhne, führte neue Steuern ein, erhöhte die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung, senkte aber die Leistungen. Davon ist Griechenland nach Meinung von Historiker Manfred Harnisch weit entfernt. Das viele der griechischen Reformen notwendig sind, ist für ihn unbestritten.

Nur zur Erinnerung: Die griechische Regierung kürzt ebenfalls Gehälter in erheblichem Maße, zuletzt die Mindestlöhne um 22 Prozent. Den Tarifpartnern hat man per Gesetz sogar untersagt, die Löhne in der Privatwirtschaft steigen zu lassen. Die Leistungen der Sozialversicherung stehen ebenfalls unter dem Spardiktat. Massive Einschnitte im Gesundheitsbereich, 3,2 Mrd. Euro, mussten im März vorgelegt werden, um die Voraussetzungen des zweiten Hilfspaketes zu erfüllen. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 20 Prozent, bei den unter 25-Jährigen ist fast jeder Zweite ohne Job. Viele Griechen sind bereits obdachlos, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen können und suchen Hilfe in sozialen Einrichtungen.

Was der Historiker Harnisch also behauptet, ist schlichtweg falsch. Dass sich aber eine Wirtschaftsredakteurin vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk so einen Bären aufbinden lässt und diesen Blödsinn auch noch als Recherche verkauft, spottet jeder Beschreibung. So jedenfalls hätten der Experte und die Berichterstatterin den Unterschied zwischen Griechenland und Weimar auch anhand der Zahl mobiler Telefonanschlüsse in beiden Zeitperioden erklären können.

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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Kommentare

  1. Einhard  April 13, 2012

    Aber, aber – der Unterschied liegt doch ganz offensichtlich auf der Hand: „Weimar“ hat 6 Buchstaben, „Griechenland“ hingegen bringt es auf stolze 12, das heißt eine Steigerung um 50 %.

    Wenn das kein Wachstum ist :>

    • Kopfstaendler  April 17, 2012

      Ach Einhard, ich dachte eine Verdoppelung seien 100 % !

      • Einhard  April 17, 2012

        Normalerweise ja, aber da Weimar in den noch nicht so gebrauchten Bundesländern liegt, muß man – ähnlich wie beim Lohn – größere, unverständliche Abzüge hinnehmen ;D

  2. Careca  April 13, 2012

    Das ist wirklich fahrlässig. Grob fahrlässig. Warum vergleicht er nicht gleich Griechenland mit der Pest- und Cholera-Zeit im Mittelalter? Da hatte man noch nicht mal Netze auf den gehwegen gespannt, damit die Sterbenden dort reinfallen konnten. Die fielen alle in den Matsch (… Warum muss ich jetzt nur an Monty Python denken? „Bringt Eure Toten heraus!“ …). Da gab es noch nicht mal ein pseudosoziales Netz. Genau, im Vergleich dazu geht es doch den Griechen super. Die haben sogar Sonne. Nur Harnisch und NDR haben den Stich. Nen eindeutigen Sonnenstich im April. Der verlinkte Beitrag bei dir zu der NDR-Spinnerei zeigt wann und wer die Regierung Brüning als „Hungerregierung“ bezeichnete. Es waren die Arbeiter von der damaligen „Mansfeld AG“. Dort herrschten keine paradiesischen Zustände für die Arbeiter. Dort arbeiteten bereits vor der damaligen Weltwirtschaftskrise viele Werker zu solch Niedriglöhnen, dass sie daheim auf von der eigenen Firma gepachteten Feldern noch für die Versorgung ihrer Familie arbeiteten. Aufgrund der gefallenen Rohstoffpreise forderte die Mansfeld AG von ihren Arbeitern einen 15% Lohnverzicht, während u.a.a. die NSDAP und Polizei bereits zu jener Zeit zusätzlich den Kampf gegen die Maßnahmen durch entsprechende Kampfmaßnahmen unterliefen. Desweiteren forderte die Mansfeld von der Regierung erhebliche Subventionen und das recht über 1000 Arbeiter zu entlassen. Das Ende vom Lied war 12%ige Lohnkürzung, Massenentlassungen und massenhaft Kohle vom Staat, was den dazu brachte, erheblich die Krankenversicherungs- und Wohlfahrtfürsorge zusammenzustreichen. Während die meisten Firmen den Weg a la Mansfeld AG ebenfalls beschritten, blutete die Regierung aus, die armen Bevölkerungsschichten verarmten noch stärker und die Industrie war passend aufgestellt, als Hitler 1933 sich die Macht ergriff, um mit der Industrie die Massen in Krieg und Gas zu vernichten.
    Wenn jetzt der Harnisch und NDR so hirnbefreit Griechenland mit Brünigs regiertem Volk vergleicht, dann wünsche ich beiden, dass die endlich mal ne dicke Kartoffel finden mögen. Solche Bauern können doch eigentlich nicht immer nur Pech beim Denken haben …

    • Careca  April 13, 2012

      Ach ja, das mit der „Mansfeld AG“ hatte ich nicht in der Schule gelernt, sondern mit weniger als drei Klicks im Internet nachlesen können. Dass die Weimarer Republik aber strikt auf anti-kommunistisch und pro-kapitalistisch getrimmt war und somit den Industrien fast alle Wünsche von den Lippen abzulesen versuchte und damit das Grab schaufelte, welches Hitler begeistert für seine Toten nutzte, das hatte ich schon in der Schule gelernt. Ich bin kein Journalist, aber ich weiß zumindest, wozu das Internet dienen kann …

  3. Careca  April 14, 2012

    Nicht wirklich als Ausnahmefehler zu sehen, was du da berichtet hast. Vorhin sah ich ein Interview auf Eins-Extra. „Ausländer in Deutschland – Ulrich Timm im Gespräch mit mit Prof. Barbara John“. Nach jener Sendung würde ich jetzt gerne wissen, was Ulrich Timn so im Monat verdient. Falls mehr als ich, würde ich gerne seinen Platz einnehmen. „Ulrich Timm“ kann ich auch. Ohne jegliche journalistische Vorbildung (Hallo, adstar! Bitte nicht vordrängeln, selbst mit deiner Ausbildung und Praxis und Wissen! …). Ob der Timm nachher zum NDR wechseln wird? Oder Karriere sonst wo bei der ARD machen wird?

  4. Anonymous  April 15, 2012

    Es ist mittlerweile normal, daß sich sogenannte “ Fachleute “ in den Redaktionen der öffentlich rechtlichen und der Mainstreampresse allgemein auf copy and paste verlassen und nicht recherchieren, bevor sie ihren Blödsinn verzapfen. Das hat mit ehrlichem Journalismus nichts mehr zu tun. Deshalb haben Publikationen wie Spiegel, Focus, Stern etc. auch ständig sinkende Verkaufszahlen. Und das ist auch gut so. Wenn die Medien nicht mehr zu ihrem eigentlichen Auftrag zurückfinden, verrecken sie eben. Die Menschen lassen sich nicht mehr für dumm verkaufen- so einfach ist es. Der oben genannte Artikel ist nur eine weitere Bestätigung dafür. Echte Informationen findet man leider in den sogenannten Qualitätsmedien nicht mehr. Nur noch plumpe Verdummung und Propaganda. Und so kassieren sie eben die Quittung…

  5. Gurasijewitsch  April 20, 2012

    Wieso ist nahezu nirgends (schreibe ich mal wohlwollend, weil ich keinen kompletten Überblick habe)in den Medien, jedenfalls nie an prominenter Stelle, von Griechenlands horrenden Militär-Ausgaben die Rede? Dabei wissen doch alle, die halbwegs Ahnung haben, selbst ich davon. Warum wird nirgendwo der Kreislauf beleuchet: Steuergelder nach Griechenland dann nach Deutschland auf die Konten der Rüstungsindustrie. Dieser Artikel gestern im Guardian. Gestern! Nach Monaten, ach was, Jahren der sog. Krise:

    http://www.guardian.co.uk/world/2012/apr/19/greece-military-spending-debt-crisis