Im Blutrausch

Geschrieben von: am 09. Okt 2023 um 21:05

Nach dem Angriff der Hamas auf Israel haben es einordnende Stimmen mal wieder schwer. Die öffentliche und veröffentlichte Meinung ist außer sich und treibt die Politik. Es herrscht Blutrausch.

Man möge sich doch bitte mal die furchtbaren Bilder anschauen und vor allem teilen, um zu dokumentieren, dass da widerliche Terroristen ihr Unwesen treiben. Sie entführen Zivilisten, morden bestialisch auf offener Straße und schänden Leichen. Das muss die Weltöffentlichkeit sehen, genau wie die Bilder und Videos übrigens, auf denen zu sehen ist, wie Zivilisten im Irak aus Militärhubschraubern zur Belustigung der Besatzung ermordet werden (wie geht es eigentlich dem Überbringer Julian Assange?) oder Bilder, wo Bomben – aus Versehen natürlich – immer wieder auf Hochzeitsgesellschaften fallen oder aktuell die Bilder über das Ergebnis eines umfassenden Bombardements des Gazastreifens, bei dem die deutschen Universalgelehrten auf Twitter/X zunächst noch kundtaten, die Luftschläge würden durch ein irgendwie zivilisiert anmutendes roof knocking angekündigt. Inzwischen hat sich das aber erledigt und man ist schon bei der Belagerung mit Kappung von Strom, Wasser und Lebensmitteln angelangt.

Kriegsverbrecher sind halt nicht gleich Kriegsverbrecher und vor allem ist aktuell immer irgendwie der Russe Schuld. Die neue Achse des Bösen lautet Moskau, Teheran und Gaza. Übereifrige deutsche Experten betonen das für ein wenig mehr Aufmerksamkeit gern. Dabei ist das ein sehr verzweifelter Versuch des Mithaltens beim Niveaulimbo der (a)sozialen Netzwerke, aus denen die Talkshow- und Nachrichtenredaktionen ihre Gäste rekrutieren. Problemlos wird da von Osteuropa- auf Nahostexperte umgesattelt, die Flagge im Profil ausgetauscht oder ergänzt und fleißig kommentiert und beschuldigt. Dass Netanjahu und Putin bislang so etwas wie ziemlich gefährliche Freunde sind und Russlands Strategie, Israel aus der Ukraine fernzuhalten, bislang gut funktioniert hat, spielt da eher keine Rolle. Der Russe und die Hamas, da muss es doch eine Verbindung geben. Das Böse nämlich, hamas endlich?

Der Zentralrat der Muslime sollte sich letztlich auch nur deshalb unbedingt zu den Vorgängen äußern, damit man seine Erklärung umgehend in der Luft zerreißen und als beschämend verurteilen kann. Nun haben israelische Rechtsexperten einen offenen Brief veröffentlicht. Darin heißt es: „We stress that all parties to an armed conflict must comply with norms of international law in general and the law of armed conflict in particular, including the prohibition on indiscriminate attacks and measures targeting civilians.“ Und die Presse in Israel schreibt ziemlich klar, der Premierminister trage die Verantwortung für diesen Krieg, weil er erst eine schlimme Koalition einging und dann eine Politik übernahm, die die Existenz und die Rechte der Palästinenser offen ignorierte.

Den Leitartikel sollten die selbstgerechten Experten und Politiker in Deutschland mal lesen, die meinen, jedwede Diskussion über Ursachen dieses Krieges wieder einmal vom Tisch wischen zu können. Hier will man mit einer Art Haltungsfetisch lediglich zu den Guten gehören, die Debatte auf Schwarz und Weiß begrenzen, auch wenn dabei nichts weiter als der pure Rassismus übrigbleibt. Doch selbst dieser simplen Logik folgend, müssten die Panzer-Tonis und Raketen-Maries oder die dauerempörten Michaels aber mal erklären, warum der Angegriffene nun jedes Recht habe, sich im Rahmen des Völkerrechts zu verteidigen, wenn er doch gleichzeitig ein für jeden erkennbarer Besatzer ist, der sich an völkerrechtliche Vereinbarungen, die einschlägig bei der UNO nachzulesen sind, gar nicht hält? Regelbasierte Ordnung und so. Das gilt hier wohl nicht. Willkommen zurück im Krieg gegen den Terror, bei dem alles erlaubt und nichts mehr geregelt ist.

Im verlinkten Leitartikel steht, dass sich ein Premierminister, der in drei Korruptionsfällen angeklagt ist, nicht um Staatsangelegenheiten kümmern könne, sondern damit beschäftigt sein müsse, einer Verurteilung zu entgehen. So sei die Gründung einer schrecklichen Koalition zu erklären sowie eine Justizreform, die als Putsch (judicial coup) vielfach kritisiert wird. Es folgte demnach auch eine Schwächung von Armee- und Geheimdienstangehörigen, die als politische Gegner wahrgenommen worden seien. „The price was paid by the victims of the invasion in the Western Negev.“ Das ist ein deutlich anderer Ton als der in deutschen Medien mit ihren ahnungsreichen aber weitgehend kenntnisarmen Twitterhelden. Inzwischen dürstet das vermeintlich Gute genauso nach Rache wie der terroristische Abschaum, denen das eigene Leben wie das der anderen völlig egal ist. Die law experts fordern daher zurecht die sofortige und bedingungslose Freilassung aller Geiseln. Die internationale Gemeinschaft ist aufgerufen, alles dafür zu tun. Das Leben der Geiseln darf nicht egal sein. Nur scheint es so, als sei man allerorten zu einem noch größeren Krieg bereit.


Bildnachweis: André Tautenhahn

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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