Hagen Rether und der Bart

Geschrieben von: am 11. Jan 2011 um 13:57

Gestern hat man mich darauf aufmerksam gemacht, dass Hagen Rether wieder bartlos ist. Einige hatten ja schon Bedenken, dass mit ihm etwas nicht stimme, weil er mit wachsender Gesichtsbeharrung im letzten Jahr durchs Land zog und über die Angst vor dem Islam und die Begeisterung für Sarrazin und seine politischen Gefolgsleute sprach.

In der letzten Ausgabe des Satire Gipfel am 30.12.2010 schnitt er dann zur Tat. Mit der Bemerkung, die Privatsphäre schafft sich ab, rasierte sich der aktuelle Gewinner des Deutschen Kabarett-Preises 2010 in aller Öffentlichkeit seinen Vollbart ab. Dabei spielte er kein Klavier, sondern nutzte es mehr oder weniger als Rasiertisch. Warum sollte er auch etwas spielen? Der Satire Gipfel gilt inzwischen mehr als langweilige Klamaukveranstaltung, denn als echte Kabarettbühne. Sagen kann man da nicht wirklich was, aber Rasieren geht. Am Anfang brachte Rether das auch mit den Worten zum Ausdruck, „manchmal denke ich, ich bin gar kein Kabarettist“, um dann am Ende zu sagen, dass Thilo Sarrazin für ihn der größte Kabarettist aller Zeiten sei.

Die Kabarett-Expertin Beate Moeller schreibt dazu:

Die vier Minuten, die ihm für seinen Text zur Verfügung stehen, benutzt er, um sein Gesichtshaar live vor laufender Kamera zu entfernen. Dabei stört um nicht zu sagen übertönt der elektrische Rasierer seine Stimme vor dem Mikrophon. Deutlicher kann ein Künstler nicht sagen, dass man hier nicht zu Wort kommen kann.

Quelle: LIVE & LUSTIG/ BLOG

Rether war der Höhepunkt der Sendung und sein Buchtipp am Ende ein grandioser Schlussstrich unter das Sarrazin-Jahr 2010.

Zum Vergleich noch einmal der Auftritt in Neues aus der Anstalt vom 16.11.2010. Dort machte er auch mit Bart nämlich das, wofür er nun vom nürnberger burgtheater ausgezeichnet wurde.

Hagen Rether – geboren in Bukarest, aufgewachsen in Freiburg, heute in Essen lebend – hat das Kabarett am und mit dem Klavier neu erfunden. Leise plaudernd fordert er seinem Publikum in einzigartiger Weise mit blitzschnellen Themenwechseln höchste Aufmerksamkeit und Konzentration ab.

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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Kommentare

  1. Guardian of the Blind  Januar 11, 2011

    Und mit Dieter Nuhr wird die Sendung bestimmt nicht besser werden …

    • adtstar  Januar 11, 2011

      Da ist was dran. Seine täglichen Twitter-Sprüche werden auch immer blöder.

      http://twitter.com/#!/dieternuhr/status/24794227464474624

      • Careca  Januar 11, 2011

        Hagen Rether war damals genau so gut wie Dieter Nuhr.
        Während Nuhr noch immer das Handwerkzeug des Kabaretts nutzt – wenn auch nicht mehr so präzise wie vor Jahren und jetzt erheblich seichter -, hat Hagen Rether damit aufgehört und setzt auf zwei Sachen:
        Klavier, Betroffenheitsrhetorik und moralischer Zeigefinger.
        Ja, ich bin inzwischen von Hagen Rether schwer enttäuscht. Klar, seine Klavierbegleitung verlangen höchste Aufmerksamkeit und Konzentration, denn ansonsten driftet man beim Zuhören weg. Seine traumhaften Klavierakkorde verführen zum Träumen und bilden den Kontrast zu den von ihm vorgetragenden Texten. Aber ohne seine Musik verlieren seine Texte sehr erheblich. Wenn er schon von christlich-jüdischer Tradition spricht, aber dann den Islam auch witzetechnisch wegklammert, hat er einiges an Kabarettgeist liegen gelassen und auf den vordergründigen Effekt gesetzt.
        Kabarett war bislang immer und ist noch immer Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums. Kabarett ist alles und immer auch das Gegenteil.

        Nuhrs Auslassungen (nicht immer Meilensteine, einige aber immer Stolpersteine) regen zu Überlegungen an, Rethers Auslassungen zeigen anhand deiner zweier Videos eindimensionale Betroffenheitslyrik mit erhobener Zeigefingergestik, WAS noch nicht mal dagegen eingestellte Geister aufbringen, weil sie gleich abschalten, weil es gen linkspolitisch-korrekter Politik-Comedy tendiert.
        Das, was du von Nuhr zitiert hast, bringt sogar dich als gegen solche Bemerkungen eingestellten Geist dazu, das zu bemerken. Nuhr spielt mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums in mehrfacher Weise, und das Zitierte trifft den von Nuhr anvisierten Inhalt meiner Meinung schlecht.
        Rether leider spielt nur auf dem Klavier und mit dem Rasierapparat. Da bleibt bei Rether nur die Interpretation der Klaviermusik und des Rasierers, um mehr Tiefgang als die reine angeschlagene Note der Betroffenheit (Rether-Methodik: These – Antithese -Pseudolink) zu treffen. Dazu übernimmt er sogar falsche Thesen der Politiker („Facharbeitermangel“), um dabei den moralischen Zeigefinger dauernd im Hintergrund erhoben zu halten. Aber er spielt mit diesen dümmlichen Thesen nicht, sondern er spinnt sie nur eindimensional auf der Betroffenheitsleiter weiter. Weder ein priol noch ein Schramm und erst recht kein , Barwasser nutzen dieses abgeschmackte Mittel.
        In Rethers Programm „Liebe“ hatte Hagen Rether diese Methodik so nicht standardisiert verwendet, um Effekte zu erzielen. Er hatte eine wunderbare treffsichere und spielerische Melange erwischt, mit dem Wissenszusammenhang des Publikums zu spielen. Da hatte er das gemacht, was das nürnburger burgtheater an ihm auszeichnete. Nur mit jedem weiteren Anstalt-Auftritt hat Rether jedes Mal weiter nachgelassen. Es wunderte mich nicht, ihn auf dem brutal, ab-erodierten Satire-Gipfels wieder zu finden. Der war schließlich leicht zu besteigen. Darin gleichen sich inzwischen allerdings Nuhr und Rether wie ein Ei dem anderen. Nuhr nutzt aber noch immer häuifiger die echten Stilmittel des Kabaretts (s.o) als Rether und da ist er mir inzwischen lieber, wenn ich in der Not Fliegen verfüttern muss. Leider.

        Da halte ich es mit Bahrwassers doppeldeutig und hintergründig hingeworfener Bemerkung: „Wer ist denn des? […] Warum kann nicht einfach mal alles so bleiben wie es ist?“

        • adtstar  Januar 12, 2011

          Mir ist Dieter Nuhr für’s politische Kabarett zu nett, geradezu unpassend für die Zeit, aber wohl sehr passend für das biedere Satire Gipfel Publikum. Mal schauen.

          Ich denke aber, es reicht nicht mehr aus, den Menschen bloß einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie dann sehen können, wie albern sie eigentlich ihren Alltag gestalten. Das war gestern.

          Ich finde schon, dass die Kritik an den Verhältnissen ruhig die Form einer Anklage bis hin zum Zorn (Schramm) haben darf. Das fehlt bei Nuhr, der beinahe Geschichtslehrer geworden wäre, also jemand, der die Welt als eine Abhandlung von Ereignissen begreift und für den die Zusammenhänge eher von sekundärer Bedeutung sind.

          Nicht so bei Rether, der es versteht, Betroffenheitslyrik hin oder her, einen kritischen Stachel zu benutzen, den er mit seiner ruhigen Art quietschend über jene Spiegeloberfläche zieht, die Nuhr seinem Publikum nur vorhalten will.