
Montag, 7. September 2026, und Sachsen-Anhalt ist noch da. Auch die politischen Gremien in Berlin tagen wie immer. Wahlen sind also doch keine Bedrohung der Demokratie, sondern, wenn so viele Menschen tatsächlich auch hingehen (77,8 Prozent Wahlbeteiligung), ein deutliches Signal. Zu dieser Erkenntnis kam der Wahlverlierer, Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU, durchaus aufrichtig. Er gratulierte dem Wahlsieger AfD und erhält dafür aus dem vornehmlich westdeutschen Off selbstredend Kritik. Auch das ist also wie immer. Glücklicherweise hat es das BSW mit 5,3 Prozent der Stimmen ebenfalls in das Landesparlament geschafft und damit eine absolute Mehrheit der AfD verhindert. Die Berufsempörten atmen auf, erleichtert es doch auch morgen noch ihren Job.
Sie können nahtlos an ihren Singsang von vor der Wahl anschließen und der Frage nacheifern, ob denn die Extremisten die planvolle Zerstörung der „politischen Mitte“ auch vollenden werden. Der Fokus darauf lenkt ab vom Versagen ebendieser „politischer Mitte“, die selbst zu extremen Positionen neigt. So war das zentrale Thema dieser Landtagswahl die Soziale Sicherheit und die Sorge der Menschen davor, nicht mehr genug Geld zu haben, um die steigenden Rechnungen zu bezahlen. Doch ein politisches Angebot, das diese Sorge adressiert, sucht man vergebens. Mehr Waffen sind lieferbar, mehr Rente eben nicht.
Die AfD siegt bei allen Altersgruppen haushoch, sie alle weiter als Nazis zu beschimpfen, dürfte selbst den auf Influencer umgeschulten Kabarettisten oder ehemaligen Punkrockern auf Abschiedstournee schwerfallen. Da braucht es schon etwas mehr Analysefähigkeit, um zu erklären, warum Arbeiter (rund 60 Prozent) oder junge Menschen (durchweg über 40 Prozent) ihr Kreuz bei der AfD machen. Vielleicht weil man statt eines Ausbildungsplatzes mit beruflicher Zukunft und Perspektive fürs eigene Leben Post vom Karrierecenter der Bundeswehr bekommt. Sorry Leute, der Russe, der in den Köpfen Einiger angeblich einmarschbereit vor der Tür steht, muss jetzt mal warten. Wir haben hier gerade andere Probleme. Auch das ist eine Botschaft dieses Wahlergebnisses.
Frieden in Europa wurde als zweithäufigstes Thema genannt, das für die Wahlentscheidung eine Rolle spielt. Man könnte sagen, die „Zeitenwende“ hat das Parteiensystem erfasst, aber nicht so, wie man sich das vielleicht erhoffte. Die andauernde Kriegsrhetorik verfängt eben anders. Die Sorge vor einem großen Krieg in Europa ist real, aber nicht, weil man den täglich präsentierten Dauerschurken Putin für gefährlich und unberechenbar hält, sondern weil man fürchtet, dass es den Politikern hierzulande egal ist, ob es zum Krieg kommt oder nicht. Man fürchtet, dass sie ihn billigend in Kauf nehmen würden, so wie sie das sinnlose Sterben in der Ukraine weiterhin billigend in Kauf nehmen.
Denn wer auf die Frage nach der diplomatischen Arbeit einfach nur sagt, dass Putin den Krieg ja jederzeit beenden könne, sagt auch, dass Ukrainer ihr Leben bis dahin weiter opfern, also den höchsten Preis bezahlen sollen. Noch muss hierzulande keiner in den Krieg ziehen, gleichwohl wird erwartet, dass die Bevölkerung angesichts des Opfers, das die Ukraine für nicht weniger als ganz Europa erbringt, so jedenfalls die Erzählung, den Kurs der Regierung gefälligst unterstützt und darüber hinaus auch bereit ist, die Kosten des Krieges in Form von Kürzungen und Teuerungen zu übernehmen. In der Realität geht diese Rechnung allerdings nicht auf, auch das zeigt dieses Wahlergebnis einmal mehr.
Und dennoch ist Sachsen-Anhalt heute noch da und nicht einfach weg. Die Leute stehen weiterhin früh auf und ordnen unter Umständen ihr Popcorn neu. Denn politische Köpfe rollen vielleicht erst nach den absehbaren Wahldesastern in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern in zwei Wochen. Die Karawane zieht also weiter und die Medien bereiten sich auf die nächste „Schicksalswahl“ vor, bei der Inhalte und Beweggründe eher zweitrangig sind, weil die Erzählung von der Belastungsprobe für die Demokratie so schön klickt. Mit der Zerstörung der „politischen Mitte“, mit der sie selbst offenbar nichts zu tun haben mag, wächst auch die Reichweite von Podcasts mit Roland Kaiser-Intro und selbstgesprochener Werbung.
Bildnachweis: André Tautenhahn
SEP.

Über den Autor:
André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.