Experten-Dödelei

Geschrieben von: am 25. Jun 2023 um 22:25

Nach der vollumfänglichen Blamage deutscher Experten-Dödelei am Samstag hat man sich nun darauf verständigt, dass Putin auf jeden Fall eine Demütigung erlitten haben muss, von der er sich nicht erholen wird. Außerdem habe mal wieder der öffentlich-rechtliche Rundfunk versagt, der das dumme Geschwätz eben jener Experten-Dödel nicht schon viel früher und zwar in Dauerschleife gesendet hat. Das übernahmen dann private Sender oder Twitter, wo auch bekannte Journalisten von ARD und ZDF fröhlich herumdödeln. Da wirkt es schon ein wenig schräg, wenn ausgerechnet die deutsche Presse feststellt, dass das russische Staatsfernsehen besonders darum bemüht sei, den Eindruck größtmöglicher Normalität zu verbreiten. Ha ha.

Das taten dann ja ARD und ZDF irgendwie auch, eskaliert haben dagegen die Experten-Dödel, die sich in ihrer Euphorie regelrecht überschlugen. Da mochte einer den Geruch von Bürgerkrieg am Morgen, was natürlich, wie er nachschob, nur irgendwie humoristisch gemeint gewesen sein soll. Den Tweet hat der Professor mit viel Tagesfreizeit und Hang zum Dödeln auf Twitter sowie Schwätzerei in Talkshows trotzdem gelöscht. Dennoch: angesichts des Söldneraufstands hofften wohl viele seines Schlages auf den Ausbruch eines blutigen Bürgerkriegs, vielleicht sogar auf einen Zerfall Russlands. Es sollte das größte Ereignis der letzten 50 Jahre in Russland sein. Man solle sich das Datum merken.

Es kam anders, weshalb das System Putin trotzdem irgendwie am Ende sein muss. Wie eigentlich schon immer. An dieser Erzählung hat sich nichts geändert. Deshalb geht es am Sonntagabend im gewohnten Format mit den üblichen Verdächtigen im gewünschten Narrativ auch weiter.

Es könnte doch aber auch sein, dass Putins Position durch die Geschehnisse nicht geschwächt, sondern gestärkt worden ist, weil man nun die Reihen geschlossen hat. Diese These ist zumindest nicht weniger Vermutung, als die Behauptung, es sei gerade anders herum. Das Expertengedödel hat doch eindrucksvoll gezeigt, wie ahnungslos die akademischen Sprechblasenproduzenten mit Twitteraccount selbst doch sind. Die dürfen aber munter weiterdödeln, im Fernsehen wie auch auf Twitter. Denn bei Preisverleihungen ist das belanglose Herumgedödel bereits gewürdigt worden. Dabei ist doch zumindest erklärungsbedürftig, wie es sein kann, dass der Teufel in Moskau als Inbegriff des Bösen Widersacher auf Augenhöhe hat. Gibt es in Russland etwa einflussreiche Fraktionen, mit denen man sich vielleicht mal beschäftigen sollte?

Man konnte ja den Eindruck gewinnen, dass manche Dödel-Experten plötzlich Sympathie für den Prigoschin entwickeln, weil der sich anschickte, den Teufel vom Thron zu stoßen. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, das war schon immer eine schlechte Idee, aber einen Warlord mit Zugang zu Atomraketen irgendwie toll zu finden, ist schon sehr bescheuert. Zumindest hat sich niemand sonderlich besorgt gezeigt, dabei wollen die Amerikaner vorab schon wieder informiert gewesen sein, das Frühwarnsystem des BND habe dagegen versagt. Erst am Samstagvormittag soll der Nachrichtendienst seine Erkenntnisse an die Regierung weitergegeben haben. Da waren die Twitter-Dödel mit ihrer Einschätzung immerhin schneller.


Bildnachweis: Screenshot.

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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