Brexit: Weder Hirn noch Handtasche

Geschrieben von: am 23. Jun 2016 um 13:20

Quelle: pixabay

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Was für ein Gewese um die komische Abstimmung da in Großbritannien. Die Briten entscheiden heute darüber, ob sie Teil der EU bleiben wollen oder nicht. Remain or Leave lautet die Alles oder Nichts Formel, die im dramatischen Tonfall seit Tagen und Wochen rauf und runter gesendet wird. Dabei müsste es genauer heißen, die Briten entscheiden heute darüber, ob ihr aktueller oder künftiger Premierminister jahrelang über den Austritt mit 27 anderen EU-Staaten verhandeln soll. Viel Spaß dabei. Denn einfach so aussteigen geht nun einmal nicht. Eine Menge Papier muss durchforstet und so manche Regelung neu gefasst werden. Unterm Strich könnten die Briten in kürzerer Zeit mehr erreichen, wenn sie ihrem Premier eine neue Handtasche kaufen, die er dann in Brüssel auf den Tisch hauen könnte.

Im übertragenen Sinne hat das David Cameron ja bereits gemacht und allerhand Vergünstigungen und Sonderregelungen in letzter Zeit für sein Land heraus geholt. Im Grunde genommen hat die EU immer alles getan, um die Briten als Passagier mit Sonderrechten an Bord des EU-Schiffes zu halten. Da staunt nicht nur der Grieche über eine Insel, die mit dem EU-Dampfer machen kann, was sie will. Doch Cameron hat sich mit seinem Referendum dann doch ins Abseits manövriert. Er hat die Kraft der Europaskepsis unterschätzt und argumentiert auf einem armseligen Niveau.

Statt den Briten zu zeigen, was er in seiner alten Handtasche aus Brüssel so alles mitgebracht hat und wie er den Lippenstift nach Belieben einsetzen kann, um gemalte Bedingungen für das Vereinigte Königreich zu zeichnen, setzt er lieber auf eine Angstkampagne, die mehr vernebelt als erklärt. Von diesen Ängsten lassen sich dann wiederum alle anderen anstecken und darüber sinnieren, ob morgen die Welt untergeht, wenn Großbritannien im Beiboot vom Dampfer ablegt. Ähnlich lief die Kampagne beim Referendum der Schotten ab.

Doch wie gesagt, eine Trennung bleibt schwer und die Wirkung auf das Leben der Menschen zunächst völlig unklar. Statt der erhofften neuen Freiheit dürften sie aber eine weitere Verschärfung des verhassten bürokratischen Apparates erleben. Die Treffen auf EU-Ebene werden ja fortgesetzt und zwar noch intensiver als im Augenblick. Irgendwann werden die Leute die Dialektik dann vielleicht begreifen und feststellen, dass ein Austritt ja gar nicht weniger, sondern mehr unliebsame Bindung erzeugt. Was dann? Die radikalen Kräfte, die Cameron mit seinem Referendum einst bannen wollte, kommen vermutlich deutlich gestärkt aus der Versenkung zurück und können weiter an der Demontage jener Vernunft arbeiten, die einst ein friedliches Europa möglich machte.

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist. Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort mit anderen Mitarbeitern für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.
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Kommentare

  1. keiner  Juni 24, 2016

    Wie “friedlich” die EU Europa machte, sieht man an Frankreich, Griechenland, Spanien, Italien und natürlcih ganz besonders in der Ukraine.

    • André Tautenhahn  Juni 24, 2016

      Meine Schlussbemerkung bezog sich ja auch nicht auf das Europa, das wir heute haben, sondern auf das Europa, das nach der unmittelbaren Erfahrung des zweites Weltkrieges entstanden ist. Also an eine Zeit, als die Werterhetorik nicht bloß Rhetorik, sondern ein von den Regierungen ernsthaft verfolgter Gedanke war. Dass die Lage heute anders ist, liegt ja auf der Hand. Es sind ja gerade die erklärten Europabefürworter, die den Kontinent mit ihrer Politik immer weiter spalten und damit den noch radikaleren Kräften den Weg bereiten.

  2. André Tautenhahn  Juni 27, 2016

    Boris Johnson im Telegraph: I cannot stress too much that Britain is part of Europe – and always will be

    Das dürfte die Brexit-Befürworter aber irritieren. Es bestätigt sich damit, was ich voraussagte. Eine Trennung ist ein komplizierter Prozess, der noch mehr Nähe zu jener EU bedeutet, von der man sich eigentlich lossagen wollte.

  1. News & Magazin : naanoo.com  Juni 24, 2016