Die Müllabfuhr verschiebt sich um einen Tag

Geschrieben von: am 03. Okt 2017 um 11:49

Heute ist der 3. Oktober. Ein Feiertag, wie man an dem Vogelgezwitscher merkt, das sonst vom Verkehrslärm eines normalen Arbeitstages übertönt wird. Es herrscht Ruhe auf den Straßen und mancherorts scheint auch die Sonne. Es gilt zu beachten: Die Müllabfuhr verschiebt sich um einen Tag. Das schafft Zeit, die die Menschen auf unterschiedliche Weise zu nutzen wissen. Die Deutsche Einheit zu feiern, gehört wohl eher nicht dazu.

„Zusammen sind wir Deutschland“, lautet das Motto in Mainz, wo in diesem Jahr das Bürgerfest stattfindet. Nach „Grenzen überwinden“ 2015 in Frankfurt am Main und „Brücken bauen“ 2016 in Dresden, versuchen es die Organisatoren erneut mit Zweckoptimismus. Die schönen Bilder werden dabei aus einer Festung gesendet, die von 7500 Polizisten beschützt wird. Sperrungen, Sicherheitsbereiche und No-Go-Zonen für die Bürger, die es nicht nur heute, sondern schon ein paar Tage in Mainz gibt, dürften wohl kaum zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl beitragen, sondern eher einen Entfremdungsprozess beschleunigen.

In Mainz wird das Trennende wieder offenbar. Die Verfassungsorgane, die jedes Jahr dasselbe Ritual praktizieren und dabei immer Gelangweilter wirken, bleiben lieber unter sich und auf Abstand zum Bürger. Bilder wie jene aus Dresden ein Jahr zuvor wollen die Organisatoren wohl unbedingt vermeiden. Alles ist genau durchgeplant und nichts wird dem Zufall überlassen. Nach dem Gottesdienst im Mainzer Dom begeben sich die Ehrengäste nur kurz auf den Markt, um dort mit den Menschen für die Fernsehkameras zu posieren. Danach besteigen die Ehrengäste einen Bus oder die Limousine, um eine Strecke von 500 Metern zur Rheingoldhalle zurückzulegen.

Zu diesem Zeitpunkt hat das übertragende Erste Deutsche Fernsehen seine Berichterstattung bereits beendet. Der Tag der Deutschen Einheit läuft weiter im Regionalprogramm.

Niemand sagt, dass die Demokratie ein Spaziergang sei, aber wenn sich die Verfassungsorgane inzwischen selbst als so gefährdet einstufen, dass sie ähnliche Sicherheitsvorkehrungen treffen, wie das bei einem Besuch des US-Präsidenten der Fall ist, darf schon die Frage erlaubt sein, was das Ganze noch mit einem Bürgerfest zu tun hat. Schon immer war dieses Fest eine Art Zwangsveranstaltung von oben für oben, ohne sonderliche Begeisterung in der Bevölkerung, weil eben auch der 3. Oktober ein Tag von oben war, der irgendwo zwischen dramatischen Sitzungen der Volkskammer, dem Abschluss der Zwei-plus-Vier-Gespräche und den Vorbereitungen zu einer gesamtdeutschen Wahl übrig blieb.

Daher ist es auch falsch zu glauben, der 3. Oktober könne je so eine Strahlkraft entwickeln, wie der 14. Juli in Frankreich, der dort überall gefeiert wird und keine arrangierten Bürgerfeste braucht. Der 3. Oktober kann das nicht leisten. Er steht lediglich für ein Schaulaufen prominenter Gäste auf der weiträumig abgeschirmten einen Seite und einer Meile mit Fressbuden fürs Volk auf der anderen Seite. Beides läuft strikt getrennt voneinander ab und hinterher gibt es meist Streit um die Begleichung der Kosten zwischen Bund und dem Land, das Ausrichter ist. Im Rest der Republik ist die Nachricht, dass sich die Müllabfuhr um einen Tag verschiebt vermutlich viel wichtiger.

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Über den Autor:

André Tautenhahn (tau), Diplom-Sozialwissenschaftler und Freiberuflicher Journalist.

Seit 2015 Teil der NachDenkSeiten-Redaktion (Kürzel: AT) und dort unter anderem für die Zusammenstellung der Hinweise des Tages zuständig. Außerdem gehört er zum Redaktionsteam des Oppermann-Verlages in Rodenberg und schreibt für regionale Blätter in Wunstorf, Neustadt am Rübenberge und im Landkreis Schaumburg.

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